Verband getrennterziehender Eltern
 

Strittige Eltern sind eine Zumutung

Wohl niemand käme auf die Idee, bei einem Gesetzesvorhaben zur besseren Vermittlung von Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt oder zur Begrenzung von häuslicher Gewalt erst einmal die Leistung all derjenigen herauszustreichen – die große Mehrheit im Lande – die auch ohne Intervention eine Stelle bekämen bzw. es schafften, sich von gewalttätigen Personen fernzuhalten. Zu Recht wäre in diesem Zusammenhang von einer Stigmatisierung der Betroffenen die Rede. Nach einer Trennung wird im Gegensatz dazu gern auf die große Mehrheit verwiesen, die es – anders als die strittigen Fälle – schaffe, sich zu einigen.

Der Verweis auf die große Mehrheit der nicht-strittigen Nachtrennungssorgefälle ist nicht nur ungerecht, er ist auch falsch.

Ob es zum Streit kommt oder nicht hängt häufig nicht so sehr davon ab, wie angemessen und gut die Vereinbarung, sondern wie ungerecht die Ausgangslage ist. Streiten tut sich in der Regel nur diejenige oder derjenige, die oder der hoffen kann, mit diesem Streit etwas zu bewirken und die Ressourcen hat, in einen Konflikt einzutreten.

Beides ist in Trennungssituationen – insb. in Bezug auf die Kindssorge – alles andere als selbstverständlich. Nicht alle Väter und nicht alle Mütter haben generell oder insbesondere nach einer Trennung die Kraft, vom Partner eine substantielle Einbindung in die Kindessorge zu fordern, wenn klar wird, dass dies zu einer konflikthaften Situation führten würde. Sie verzichten des lieben Friedens willen auf die Auseinandersetzung, auch wenn sie sich damit schlecht fühlen und vermutlich das Gefühl haben, damit ihre Kinder im Stich zu lassen.

Auch Eltern, die eine Auseinandersetzung zur Erreichung einer gemeinsamen Elternschaft im Prinzip nicht scheuen, nehmen häufig resigniert ihre von der Gesellschaft zugewiesenen Rollen an. Sie sind sich darüber im Klaren, dass sie diese gegen den Willen des Partners nicht verlassen können. Nicht zuletzt des langen Schattens des Gesetzes sind sie sich schmerzvoll bewusst, der im Zweifel die (überkommenen) gesellschaftlichen Konventionen erzwingt.

Dabei werden in der Regel gerichtliche Auseinandersetzungen um ein mehr an Betreuung geführt und nicht um einen weniger großen Anteil. Väter haben nach Einschätzung von Richtern und Anwälten so gut wie keine Chance, eine annähernd hälftige oder gar überwiegende zeitliche Betreuung ihrer Kinder gerichtlich durchzusetzen. Vor dem Hintergrund der geringen Erfolgsaussichten bei gleichzeitig großer emotionaler Belastung eines Verfahrens für Kinder und Eltern wie der bis zu fünfstelligen Kosten wird ein Vater häufig einer „klassischen“ Lösung zustimmen, auch wenn er eine gemeinsame Elternschaft favorisiert. Beide, Mutter und Vater, haben überhaupt keine Chance, wenn es darum geht, ein weniger an Betreuung gerichtlich durchzusetzen.

Das Festhalten an der klassischen Rollenzuteilung, die in einer asymmetrischen Betreuung der Kinder resultiert, dauert in der Regel über die gesamte Erziehungszeit der Kinder an. Wissenschaftler haben beobachtet, dass sich konflikthafte Beziehungen zwischen den Eltern häufig allein aus der Infragestellung der klassischen Rollenverteilung ergeben. Wird die Vorrangstellung des Residenzelternteils vom Besuchselternteil in irgendeiner Form in Frage gestellt, erschwert ersterer den Umgang.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sich Konflikte vornehmlich an der Infragestellung der klassischen Rollenzuteilung entzünden. Diejenige Gruppe Eltern, bei denen Konflikte nicht zu Tage treten, hat diese entweder aus freien Stücken oder notgedrungen akzeptiert oder setzt sich aus Eltern zusammen, die von vornherein beide von gemeinsamer Elternschaft überzeugt waren.

Diejenigen, die die traditionelle Rollenzuschreibung gegen den Wunsch eines Elternteils in Frage stellen als notorisch streitsüchtig, egoistisch und insensibel ggü. den Bedürfnissen der Kinder darzustellen, geht vollkommen an der Sache und den Ursachen für Streit vorbei. Nicht der Streit an sich ist problematisch, sondern die herrschenden Verhältnisse, die diesen hervorrufen.

Für ein Kind ist es in der Regel sehr viel besser, Eltern zu haben, die sich um die Aufteilung der Betreuungszeiten streiten als kaum engagierte Eltern oder nur einen Elternteil. 

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